Mauer los

MAUER LOS

IM GESPRÄCH MIT DER KÜNSTLERIN JUEUN LEE

Jueun Lee Meisterschülerin Ausstellung

KUNST

DIMENSIONEN​

Jueun Lee ist bildende Künstlerin und Meisterschülerin der Bildhauerin Professor Tamara Grcic, Kunsthochschule Mainz. ​

Im Februar 2020 hat sie ihr Studium mit ihrer vielbeachteten Ausstellung „Wo denn?“ abgeschlossen. Jueun Lee studierte in Südkorea Werbedesign, bevor sie in an die Kunsthochschule Mainz kam. Sie lebt in Oberursel im Taunus vor den Toren Frankfurts.

Weiß, schwarz und grau sind die Farben. Vogelspuren auf dem Boden, durchbrochene Mauern und solche mit Fußzehen, Kopf-steinpflaster mit weiteren Abdrücken und Ketten fügen sich zu einem raumgreifenden Kunstwerk.

„Wo denn“ hat mich tief berührt. Mir war, als würde eine lichte Mauer die andere aufheben. Oder in Frage stellen. Sie öffnen. Beim Gehen durch die Installation entstehen immer neue Perspektiven, neue Räume. Ketten liegen da. Angekettet ist niemand. Oder sind alle befreit? Viele Fragen – Jueun und ich haben darüber gesprochen.​ ​​ ​

Jueun Lee Meisterschülerin Ausstellung

IM GESPRÄCH​

Was waren Deine stärksten Momente während Deiner Arbeit an „Wo denn“?​

‚Wo denn‘ ist meine letzte, meine Meisterarbeit an der Kunsthochschule. Der Prozess steht im Mittelpunkt. Das Ziel war von Anfang an klar. Ich wollte spielerisch arbeiten, nicht aus dem Gedanken heraus, „ich zeige hier mein Meisterstück“. Deshalb war ich ohne Plan und ohne Skizze unterwegs. ​

Intuitiv?​

‚Ja genau, intuitiv. Die Form und die Idee kam immer plötzlich. Das Thema „Wo denn“ habe ich dem Werk später gegeben. und es so mit meiner vorhergehenden Arbeit verbunden.‘​ ​

Wie viel Zeit hast Du in Dein Werk investiert?​

‚Ein Jahr vorher kam die Idee. Sechs Monate habe ich für die Skulptur gebraucht. Fertig war ich zwei Tage vor der Ausstellung. Andere hatten schon Wochen vorher die Werkzeuge weggepackt.‘​ ​ ​ ​

Was hat Dich inspiriert?​

‚Der Boden und Obdachlose am Hauptbahnhof haben mich inspiriert. Auf dem Weg zum Atelier habe ich am Hauptbahnhof immer viele Obdachlose gesehen. Das hat mich beschäftigt. Ich habe mit den Wörtern ‚Boden‘, ‚Obdachlos‘ und ‚Wo denn‘ gespielt. ​

Kerstin Raclet zusammen mit Künstlerin Jueun Lee

Das sind ja Töne! Wenn ich bei Boden, Obdachlos und Wo denn die Vokale betone klingt es: Booodeen –Oobdaachloos – Wooo deen. So entstand der Name ‚Wo denn‘?​

‚Genau so.‘​

​Du verwendest Styropor, Lehm und Metall – welche Bedeutung haben sie in Deinem Werk?

‚Styropor, Lehm, Metall und Gips. Mit ihnen stelle ich die Form über die Farbe. ​ Meine Materialien haben keine Farben. Sie bedeuten mir nichts. Die Form geht vor. Metall habe ich als schwarz benutzt. Die Ketten sind aus Styropor und Gips. Das ergibt unterschiedliche Weißtöne. Überhaupt habe ich mit Gips viel gearbeitet.​

Und die Ketten?​

‚Viele Besucher fragen nach der Rolle der Ketten. Objekte habe eine starke Bedeutung. Aber mir dienen die Ketten als Linien für meine Objekte. Für meine Arbeit ist wichtig, dass nichts geschlossen ist. Und dazu benutze ich die Ketten. Das sieht wie ein Schmuck aus. Die Kette hat eine spielerische, positive Bedeutung.‘

DER FUSSABDRUCK EINES VOGELS​

“Wie doch die kleinen, leichten Erscheinungen große, schwere öffnen und verwandeln!” – Das denke ich, wenn ich die Vogelspuren betrachte.

 

Was verbindest Du mit ‘Transformation’ und ‘Veränderung’ in Deiner großartigen Ausstellung?​

‚Transformation? Hm. Daran haben ich nicht gedacht. Auch der Vogelfuß hat keine große Bedeutung. Ich brauchte ein leichtes, lebendiges Objekt. Dafür habe ich den Vogel gewählt. Boden ist Boden, die Ketten liegen flach auf dem Boden. Als Tier wollte ich den Vogel nicht ins Spiel bringen, sondern den Vogelfuß als Form. ​


Als dynamische Form?​

Darüber habe ich nicht nachgedacht. Es ist interessant, die Meinung anderer zu hören. Viele haben den Vogel als Symbol für Freiheit gesehen. Mauern und Ketten als fesselnde Elemente. Ich nicht. Ein Besucher hat mich sogar gefragt, ob ich als Kind ein Trauma erlebt hätte (lacht). Habe ich nicht. Im Gegenteil. Ich habe das Spielerische in meine Arbeit mitgenommen.